SOS Orcas!

Iberische Orcas zerstören seit Sommer 2020 immer wieder die Ruder kleiner Segeljachten und machen sie damit manövrierunfähig – sieben Boote sind bisher gesunken. Warum tun sie das?

Portugiesische Küste, eine Stunde vor Mitternacht: Das Meer ist ruhig, nur einzelne Lichter weit entfernter Fischerboote sind zu sehen. Der Brite Jeremy Greenfield hält Wache an Deck des Segelbootes «Pisces». Steve Clemens, der Schiffseigner, ist unter Deck und kocht Tee. Sie überführen das Boot von Griechenland nach England. Die Strasse von Gibraltar liegt bereits hinter ihnen, sie sind im Atlantik. Plötzlich ein Schlag im Heck – «Orcas, schoss es mir sofort durch den Kopf», erzählt Jeremy Greenfield. Und sein zweiter Gedanke: «Sind wir nun wirklich auch Teil dieser Geschichte?»

«Diese Geschichte» beginnt im Sommer 2020. Ausgerechnet das Boot der Meeresbiologin Victoria Morris aus Neuseeland wird ins Visier genommen. Die Orcas machen sich am Ruder ihres Segelschiffs zu schaffen, bis es manövrierunfähig ist. Sie spricht danach gegenüber den Medien von einer konzertierten und planvollen Aktion.

Mittlerweile haben sich entlang der spanischen und portugiesischen Küste über 500 weitere solche Vorfälle mit Orcas ereignet. Sieben Segelboote sind sogar gesunken. Ein Hotspot ist die dichtbefahrene Strasse von Gibraltar. Die spanische Küstenwache musste letztes Jahr mehrmals pro Woche ausrücken.

«Will ein Orca ein Segelboot ernsthaft attackieren, dann versenkt er es innerhalb von drei Minuten.»

Janek Andre, Meeresbiologe

Die Orcas beschädigen regelmässig das Ruder, mit dem das Boot gesteuert wird. Damit machen sie es manövrierunfähig. Menschen werden dabei nie verletzt. «Will ein Orca ein Segelboot ernsthaft attackieren, dann versenkt er es in drei Minuten», so Janek Andre, Meeresbiologe in Cadiz. Die Wissenschaft spricht daher lieber nicht von Angriffen oder Attacken sondern von Interaktionen.

Quelle: Orca-Interaktionen zwischen Juli 2020 und Februar 2024 (Daten gemäss orcaiberica.org).

«Wir fuhren zum Glück mit dem Autopiloten, der erste Schlag auf das Ruder hätte mir sonst die Handgelenke gebrochen»

Jeremy Greenfield, Augenzeuge

Auch wenn die Segelcrews mit dem Schrecken davonkommen, eine derartige Begegnung ist eine ruppige Angelegenheit: 45 Minuten lang wird die Segeljacht «Pisces» immer wieder von den riesigen Meeressäugern gerammt, gestossen und um die eigene Achse gedreht. Die Orcas bewegen das neun Meter lange und neun Tonnen schwere Boot mit Leichtigkeit.

Quelle: Ausschnitt aus einem Online-Interview mit Jeremy Greenfield & Steve Clemens (20.2.2024)

Jeremy Greenfield und Steve Clemens haben Glück. Ihr Boot bleibt manövrierfähig und sie nehmen Kurs auf den nächsten Hafen. Erst in der Werft stellen sie fest, dass das Ruder durchgebrochen ist.

Drehbuch einer Orca-Interaktion

Inzwischen weiss man, die  Begegnungen mit den Orcas laufen immer nach demselben Muster ab:

1. Anschleichen

2. Rammen

3. Schieben

4. Drehen

5. Ruder abbrechen

6. Abhauen

Auch vor der Regatta «The Ocean Race» machen die Meeressäuger nicht halt. Der Crew der Rennyacht «VO65» gelingt es, die Begegnung mit den Orcas mit Unterwasserkameras zu filmen. Das Boot bleibt intakt, das Team fällt aber vom zweiten auf den vierten Platz zurück.

Quelle: The Ocean Race / Youtube

Familienspezialität: Ruder knacken

Nicht alle iberischen Orcas teilen das spezielle Interesse für Segelbootruder. Es handelt sich vor allem um zwei Familienverbände. Sechzehn Tiere sind mittlerweile identifiziert worden.

Orcas sind sehr intelligente und soziale Tiere. Sie bleiben ein Leben lang bei ihrer Familie. «Die Mütter und Grossmütter trainieren ihre Jungen über Jahre», erklärt der Meeresbiologe Misael Morales. So bilden sich in den verschiedenen Orca-Gruppen Spezialisierungen heraus. Weltweit beobachtet man bei Orcas zahlreiche Jagdtechniken und Kulturen. Die einen jagen Thunfische, die anderen Seelöwen und wieder andere Wale und Haie.

Es ist ein bestimmtes Weibchen, das zum ersten Mal das Ruder eines Segelboots beschädigt hat. Es hat dieses Verhalten an seine Nachkommen und Geschwister weitergegeben. Mittlerweile ahmen auch Orcas ausserhalb der direkten Familie das Verhalten nach. Jedoch nicht alle machen mit, die Grossmutter und Matriarchin der Gruppe beobachtet das Treiben nur.

Die Frage nach dem Warum

Warum diese iberischen Orcas plötzlich angefangen haben, die Ruder von Segelbooten abzubrechen, ist bisher ein Rätsel. «Es ist noch zu früh, um etwas Definitives zu diesem Verhalten zu sagen», es gebe verschiedene Erklärungen, so Misael Morales. Orcas zeigten ein sehr komplexes Verhalten und manchmal sei dieses auch etwas verrückt.

Quelle: Ausschnitt aus einem Online-Interview mit Misael Morales (4.3.2024)

Vier mögliche Erklärungen:

Selbstschutz oder Rache

Eine Erklärung geht davon aus, dass das Orca-Weibchen, das sich zum ersten Mal so verhalten hat, ein schlechtes Erlebnis mit einem Segelboot hatte. Vielleicht wurde ihr Kalb verletzt oder gar getötet. Daher versucht es nun, die Boote zu stoppen, und gibt dieses Verhalten an seine Nachkommen weiter. Der Misael Morales hält dies persönlich für eine wahrscheinliche Erklärung.

Jagdtraining

Die Ruder der Segelboote sehen Fischflossen ähnlich. Darum geht eine Erklärung davon aus, dass die Interaktionen mit den Segelbooten Teil des Jagdtrainings für die Jungtiere sind. Dies erscheint dem Meeresbiologen Janek Andre jedoch keine plausible Erklärung: «Die Orcas jagen ausschliesslich Blauflossenthunfisch. Sie sind zu intelligent, um in ein Stück Holz zu beissen.»

Modetrend

1987 wurden im Nordpazifik Orcas beobachtet, die einen toten Lachs auf dem Kopf balancierten. Ein junges Weibchen hatte diese Mode gestartet. Andere Orcas ahmten das Verhalten nach. Im folgenden Sommer war es wieder verschwunden. Denn als die erwachsenen Tiere anfingen, solche Lachshüte zu tragen, hörten die Jungtiere damit auf. Auch das Ruderzerbeissen könnte ein solcher Trend sein.

Einfach nur ein Spiel

Die am weitesten verbreitete Erklärung ist die, dass die Orcas einfach spielen. Segelboote sind für die Tiere harmlos und machen keinen Lärm. Das Ruder der Boote ist beweglich und gut zu fassen. «Sobald das Ruder ab ist, spielen sie damit rum und balancieren es auf der Nase. Irgendwann verlieren sie das Interesse und verschwinden», erzählt Janek Andre.

Wie es weitergeht

Wie lange die Orcas weiter mit Segelbooten interagieren, weiss niemand. Das Verhalten kann noch über Generationen weitergehen – oder der Spuk ist plötzlich vorbei.

«Es kann alles passieren», meint Misael Morales. Zurzeit bestehe die grösste Gefahr darin, dass Menschen aggressiv auf die Tiere reagieren. So geschehen im letzten Sommer, als eine Segelcrew die Orcas mit Leuchtraketen beschoss.

Biologe Janek Andre will deshalb ab April mit seinem Boot vor Ort sein, um Segelboote rechtzeitig über Funk vor sich nähernden Orcas zu warnen und Mensch und Tier voreinander zu schützen.

Quelle: Ausschnitt aus einem Online-Interview mit Janek Andre (16.3.2024)

Auch wenn wir vielleicht nie wissen werden, warum sich die Tiere so verhalten – eines ist gewiss: Die Orcas werden im Frühjahr dem Blauflossenthunfisch in die Meerenge von Gibraltar folgen und das warme Wetter wird hunderte Segelboote aufs Wasser locken.

Informationen zu den Orca-Interaktionen werden von der Grupo de Trabajo Orca Atlántica (GTOA) gesammelt, einem Zusammenschluss von über 20 Organisationen, die sich mit dem Schutz und der Erforschung der iberischen Orcas befassen.

Die GTOA hat für Segler, die in der Strasse von Gibraltar und an der iberischen Küste unterwegs sind, Verhaltensempfehlungen für den Fall einer Orca-Interaktion zusammengestellt.

Die Empfehlungen sind auch als App verfügbar und können kostenlos installiert werden.

Maya Sidler

Abschlussarbeit
CAS Wissenschaftsjournalismus MAZ

Illustrationen: Andreas Sidler